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Jan Beise

Verhaltensökologie menschlichen Abwanderungsverhaltens – am Beispiel der historischen Bevölkerung der Krummhörn (Ostfriesland, 18. und 19. Jahrhundert)

Zusammenfassung

Die Abwanderung vom Geburtsort ("natal dispersal") ist in Bezug auf seine evolutive Herkunft und Funktion ein nach wie vor noch wenig verstandenes Verhalten. Dies hat seinen Grund in der spezifischen empirischen Problematik und betrifft in ähnlicher Weise sowohl die tierliche als auch die menschliche Verhaltensökologie. In der biologischen Literatur werden verschiedene Hypothesen und Theorien zur Abwanderung diskutiert, die teils als Alternativen zu verstehen sind, teils aber auch nur einzelne Aspekte der Abwanderung betonen und so in ihrer Erklärungsbedeutung kombinierbar sind. In der vorliegenden Arbeit wurde das menschliche Abwanderungsverhalten unter Berücksichtigung der wichtigsten dieser Erklärungsmodelle verhaltensökologisch analysiert.

Als Beispielpopulation diente hier die agrarisch geprägte Population der Krummhörn (Ostfriesland) des 18. und 19. Jahrhunderts. Vital- und sozialstatistische Daten aus Kirchenbüchern und Steuerlisten wurden zu Generationen und Orte übergreifenden Familiengeschichten verknüpft ("Familien-rekonstitution"). Die Berücksichtigung 19 benachbarter Kirchspiele ließ das biographische Verfolgen einer nennenswerten Anzahl von Individuen über die Abwanderung hinaus zu. So war es erstmals möglich, nicht nur lebensgeschichtliche Merkmale vor der Abwanderung zu erfassen, sondern auch das weitere Schicksal der Individuen nach der Abwanderung zu verfolgen.

In einem ersten Ergebnisteil wurde das Abwanderungsgeschehen der Untersuchungspopulation wurde anhand verschiedener Aspekte der Mobilität (Mobilität bis zur Hochzeit, der Geburt der Kinder, dem Tod) quantitativ beschrieben. Mit Hilfe der daraus gewonnen Erkenntnisse wurden aus einer Kombination der vorhandenen Quelleninformationen Kriterien ermittelt, die es zuließen, den Status der natalen Abwanderung zu bestimmen (Bestimmung von "Familienschwerpunkten"). Abwanderer wurden weiterhin danach unterschieden, ob sie innerhalb der Region verblieben, oder ob sie aus der Region auswanderten. Auf der Basis des neuen Kriteriums erfolgte in einem zweiten Ergebnisteil eine Theorie geleitete Analyse des Abwanderungsverhaltens.

Wie sich zeigte, kann ein Erklärungsmodell alleine das Abwanderungsgeschehen der Krummhörner Population nicht ausreichend beschreiben. Vielmehr ließ sich das Wirken verschiedener Mechanismen erkennen, wobei jedoch die jeweilige Bedeutung je nach Geschlecht und Sozialgruppe unterschiedlich hoch war. In der Krummhörn wanderten Frauen häufiger ab als Männer, ein Unterschied, der den Erwartungen für ein Paarungssystem der Art "Ressourcenverteidigung" entspricht. Allerdings verblieben Frauen im Durchschnitt häufiger innerhalb der Region als Männer. Das Abwanderungsverhalten der Bauernkinder wurde vor allem durch eine "lokale Ressourcenkonkurrenz" geprägt, wobei die Söhne davon stärker betroffen waren als die Töchter. Die Anzahl der überlebenden Brüder hatte sowohl auf die Söhne als auch auf die Töchter der Bauernfamilien einen verstärkenden Einfluss auf die Abwanderungswahrscheinlichkeit - und verminderten gleichzeitig die lokalen und regionalen Heiratschancen. In den Arbeiterfamilien hatten die Brüder dagegen keinerlei Einfluss auf die Abwanderung ihrer Geschwister. Für die Töchter in diesen Familien wirkten vielmehr ihre Schwestern verstärkend auf die Abwanderung. Das Abwanderungsverhalten der Töchter aus Arbeiterfamilien ließ sich insgesamt als Folge einer "lokalen Partnerkonkurrenz" erklären. Für die Söhne aus diesen Familien konnten für die meisten untersuchten Variablen keinerlei Einfluss festgestellt werden. Trotzdem wiesen auch die Söhne eine substanzielle Abwanderungsrate auf. Für sie scheint also in Bezug auf die Abwanderung weniger eine intrafamiliäre Konkurrenz von Bedeutung gewesen zu sein als vielmehr Faktoren, die das "greener pasture syndrome" beschreibt: Die Entscheidung zur Abwanderung wurde in Abhängigkeit von Informationen zur Qualität von lokalen und weiteren potentiellen Habitaten getroffen. Arbeitersöhne scheinen dabei deutlicher als alle anderen untersuchten Sozial-Geschlechtsgruppen alleine von Opportunitäten der Subsistenzsicherung (lokale Arbeitsmarktsituation) abhängig gewesen zu sein. Weitere mögliche Abwanderungsgründe - wie insbesondere Inzuchtvermeidung oder auch Risikostreuung - waren wahrscheinlich eher Folgen des herrschenden Abwanderungsmusters als wirklich funktionelle Ursache.

Abwanderung in der Krummhörn lässt sich so nicht nur als Teil der individuellen Reproduktionsstrategie verstehen, sondern - zum Teil jedenfalls - auch als Fortführung elterlicher reproduktiver Interessen mit Mitteln elterlicher Manipulation. Auch wenn die Entscheidung abzuwandern letztlich von dem abwandernden Individuum selbst getroffen werden muss, liegt sie nicht unbedingt auch in seinem eigenen (Fitness-) Interesse. Diese Unterscheidung von Abwanderern und Nutznießern der Abwanderung ist ein nur selten diskutierter, aber meines Erachtens entscheidender Punkt, um dem Verständnis der funktionellen Hintergründe der Abwanderung näher zu kommen.

Die Arbeit wurde unterstützt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

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Kontakt: geb@bibsys.uni-giessen.de, 11.03.2003