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Marc-André Reinhard

Der Prozess der Glaubwürdigkeitsbeurteilung im Alltag

Zusammenfassung

Die Dissertation hatte sich zum Ziel gesetzt den Prozess der Glaubwürdigkeitsbeurteilung im Alltag mit Hilfe eines allgemeinen Modells der Informationsverarbeitung (dem Heuristic-Systematic-Model von Chaiken, 1980, 1987) zu beschreiben. Insbesondere wurden aus dem Heuristic-Systematic-Model (HSM) Hypothesen zum Einfluss der Motivation und der situativen Vertrautheit von Urteilern auf die Verwendung inhaltlicher und quellenbezogener Informationen bei der Glaubwürdigkeitszuschreibung abgeleitet. In einer Pilotstudie und in Experiment 1 und 2 wurde der Einfluss der Motivation auf den Prozess der Glaubwürdigkeitsbeurteilung im Alltag untersucht. In Experiment 1 wurde hierzu neben der Motivation der Urteiler, die Plausibilität der Aussagen einer Quelle sowie die Vertrauenswürdigkeit der Quelle systematisch variiert. Wie vom HSM vorhergesagt, verwendeten nur hoch motivierte Urteiler im Gegensatz zu niedrig motivierten Urteilern die inhaltliche Plausibilität der Aussagen für ihr Glaubwürdigkeitsurteil. Experiment 2 konnte darüber hinaus zeigen, dass dieser Einfluss der Motivation nicht wie vom Unimodel (Kruglanski, Thompson, & Spiegel, 1999) behauptet von der Darbietungsreihenfolge der inhaltlichen und quellenbezogenen Informationen abhängt. Die Experimente 3 bis 5 untersuchten den Einfluss der situativen Vertrautheit von Urteilern auf den Prozess der Glaubwürdigkeitsbeurteilung. Wie nach den Annahmen des HSM zu erwarten, verwendeten nur mit der Situation vertraute Urteiler (im Gegensatz zu mit der Situation wenig vertrauten Urteilern) den Aussageinhalt für ihr Glaubwürdigkeitsurteil.

These 1: Die Motivation der Urteiler beeinflusst die Wahl von systematischer und heuristischer Informationsverarbeitung bei der Glaubwürdigkeitsbeurteilung. Urteiler mit hoher Motivation verarbeiten systematisch urteilsrelevante (insbesondere inhaltliche) Informationen. Bei niedriger Motivation wählen Urteiler eine heuristische Informationsverarbeitungsstrategie. Hierbei werden verstärkt Informationen über die Quelle und weniger Informationen die den Aussageinhalt betreffen herangezogen.

Nach dem HSM von Chaiken (1980, 1987; siehe auch Chen & Chaiken, 1999) beeinflusst die Motivation von Personen die Wahl von systematischer und/oder heuristischer Informationsverarbeitung. Personen mit hoher Motivation verarbeiten systematisch (intensiv) den Aussageinhalt, Personen mit niedriger Motivation verwenden heuristische Hinweisreize (z.B. Quelleninformationen) unter zu Hilfenahme von Faustregeln zur Urteilsbildung. Diese Vorhersage konnte im Bereich der Einstellungsforschung empirisch vielfach bestätigt werden (z.B. Chaiken, 1980; Chaiken & Maheswaran, 1994; siehe auch Eagly & Chaiken, 1993; Chen & Chaiken, 1999).

Die vorliegende Arbeit zeigte, dass diese Vorhersagen auch für den Prozess der Glaubwürdigkeitsbeurteilung im Alltag zutreffen. In einer Pilotstudie konnte gezeigt werden, dass nur Personen mit hoher Motivation im Gegensatz zu Personen mit niedriger Motivation vermehrt Gedanken über den Inhalt einer Aussage berichten, wenn sie ein Glaubwürdigkeitsurteil fällen sollen. Experiment 1 konnte darüber hinaus direkte Belege für den Einfluss der Motivation auf die systematische Verarbeitung bei der Glaubwürdigkeitsbeurteilung bringen. Die experimentelle Manipulation inhaltlicher Merkmale einer Aussage (Plausibilität) wirkte sich nur bei hoch motivierten, nicht jedoch bei niedrig motivierten Personen auf das Glaubwürdigkeitsurteil aus. Niedrig motivierte Urteiler verwendeten ausschließlich Informationen über die generelle Vertrauenswürdigkeit der Quelle.>

These 2: Der vom HSM angenommene Einfluss der Motivation auf die systematische Verarbeitung inhaltlicher Informationen ist nicht wie vom Unimodel (Kruglanski, Thompson, & Spiegel, 1999) angenommen abhängig von der Darbietungsreihenfolge inhaltlicher und quellenbezogener Informationen.

In Experiment 2 wurde die vom Unimodel aufgestellte konkurrierende Hypothese überprüft, dass die Verarbeitung inhaltlicher und quellenbezogener Informationen bei niedriger Motivation von der Darbietungsreihenfolge der zwei Informationsarten abhängt. Hierzu wurden in Experiment 2 neben der Plausibilität der Aussagen und der Vertrauenswürdigkeit der Quelle auch die Darbietungsreihenfolge der zwei Informationsarten (zuerst die Aussagen versus zuerst die Informationen über die Quelle) manipuliert. Die Motivation der Urteiler wurde generell niedrig gehalten. Während das Unimodel eine Wechselwirkung der Darbietungsreihenfolge mit der Informationsart vorhersagte, sollte nach dem HSM die Darbietungsreihenfolge keine Rolle spielen. Die Ergebnisse bestätigten die Annahmen des HSM. Unabhängig von der Darbietungsreihenfolge der Informationsarten wirkte sich nur die Variation der Vertrauenswürdigkeit signifikant auf das Glaubwürdigkeitsurteil der Personen aus. Derzeit liegen leider keine weiteren empirischen Belege zu den Annahmen des Unimodels vor. Eine abschließende Beurteilung des Unimodels ist somit noch nicht möglich.

These 3: Die situative Vertrautheit von Urteilern beeinflusst die Verwendung inhaltlicher und quellenbezogener Informationen bei der Glaubwürdigkeitsbeurteilung. Bei hoher situativer Vertrautheit ziehen Urteiler den Aussageinhalt für die Glaubwürdigkeitsbeurteilung heran. Quellenmerkmale werden dagegen bei niedriger situativer Vertrautheit von den Urteilern verwendet.

Erste bestätigende Hinweise für diese Annahme stammen von Stiff, Miller, Sleight, Mongeau, Garlick und Rogan (1989), die zeigen konnten, dass die situative Vertrautheit von Urteilern die Verwendung nonverbaler Informationen bei der Glaubwürdigkeitsbeurteilung beeinflusst. Im Bereich der Einstellungsforschung konnten z.B. Bohner, Rank, Reinhard, Einwiller und Erb (1998) zeigen, dass persönliche Effizienzerwartungen die systematische Informationsverarbeitung beeinflussen.

Experiment 3 bis 5 unterstützten die These 3. In Experiment 3 zeigte sich, dass Urteiler, die mit der Situation vertraut sind, ausschließlich den Aussageinhalt zur Urteilsbildung heranziehen. Nicht mit der Situation vertraute Urteiler verwenden hingegen ausschließlich das nonverbale Verhalten der Quelle für ihre Glaubwürdigkeitsbeurteilung. Experiment 4 zeigte darüber hinaus, dass auch bei Vorliegen von schriftlichen Informationen Urteiler nur dann den Aussageinhalt für ihr Urteil verwenden, wenn sie mit der Urteilssituation vertraut sind. Die allgemeine Vertrauenswürdigkeit wirkte sich in Experiment 4 entgegen der Erwartung nicht aus. Experiment 5 konnte zeigen, dass nicht nur die tatsächliche Vertrautheit, sondern auch eine Annahme über die Vertrautheit (vermittelt über eine fingierte Rückmeldung) die Verwendung inhaltlicher Informationen beeinflusst.

These 4: Die Motivation und die situative Vertrautheit von Urteilern wirken sich in unterschiedlicher Weise auf den Prozess der Glaubwürdigkeitsbeurteilung aus. Die Motivation wirkt sich auf die Intensität der Verarbeitung und die Nutzung des Aussageinhalts bei der Glaubwürdigkeitsbeurteilung aus. Die situative Vertrautheit wirkt sich dagegen nur auf die Nutzung des Aussageinhalts aus.

Nach dem HSM sollte die Motivation von Urteilern das Ausmaß an systematischer (intensiver) Verarbeitung inhaltlicher Informationen beeinflussen. Je höher die Motivation einer Person ist, umso intensiver wird der Aussageinhalt verarbeitet. Urteilern mit hoher Motivation sollten im Gegensatz zu Urteilern mit geringer Motivation intensiv den Aussageinhalt verarbeiten und inhaltliche Merkmale der Aussage registrieren. Die inhaltliche Bewertung (z.B. der Plausibilität der Aussagen) sollte somit nur bei hoch motivierten Urteilern durch die Manipulation der Plausibilität beeinflusst sein. Die Pilotstudie und Experiment 1 konnten dies bestätigen. Urteiler mit hoher Motivation berichten mehr inhaltliche Gedanken als Personen mit niedriger Motivation. Darüber hinaus wirkt sich die Manipulation der Plausibilität nur bei hoch motivierten Urteilern auf die inhaltliche Bewertung (Wahrnehmung der Plausibilität) aus. Exemplarische Pfadanalysen (in Anlehnung an Baron & Kenny, 1986) für Experiment 1 zeigten, dass Urteiler mit hoher Motivation die Aussagen systematisch verarbeiteten. Die Glaubwürdigkeitszuschreibung hing stark mit der inhaltlichen Beurteilung der Aussagen zusammen. Darüber hinaus beeinflusste die Variation der Plausibilität sowohl signifikant die Bewertung des Inhalts als auch die Glaubwürdigkeitsbeurteilung. Der Einfluss der Variation der Plausibilität auf die Glaubwürdigkeitsbeurteilung wurde abgeschwächt, wenn die Bewertung des Inhalts mit in die Analyse aufgenommen wurde. Für Personen mit niedriger Motivation zeigte sich hingegen weder ein signifikanter Einfluss der Variation der Plausibilität auf die Bewertung des Inhalts noch auf das Glaubwürdigkeitsurteil. Die Bewertung des Inhalts zeigte keinen signifikanten Zusammenhang mit der Glaubwürdigkeitszuschreibung. Nach Stiff et al. (1989) sollte sich die situative Vertrautheit von Urteilern nicht auf die intensive Verarbeitung des Aussageinhalts auswirken. Sowohl Urteiler, die mit der Situation vertraut sind, als auch Urteiler die wenig mit der Situation vertraut sind, verarbeiten den Inhalt intensiv. Unabhängig von der situativen Vertrautheit werden inhaltliche Merkmale wie z.B. Plausibilität oder Widersprüche erkannt. Die situative Vertrautheit wirkt sich somit nicht auf die intensive Verarbeitung des Aussageinhalts aus, sondern auf die Verwendung des Aussageinhalts bei der Urteilsbildung. Für den Einfluss der situativen Vertrautheit ergaben die exemplarischen Pfadanalysen zu Experiment 3 folgendes Muster. Die Variation der Plausibilität wirkte sich bei niedrig vertrauten aber hoch motivierten (anders als bei niedrig motivierten) Urteilern signifikant auf die Bewertung des Inhalts aus. Die inhaltliche Bewertung wiederum hing signifikant mit dem Glaubwürdigkeitsurteil zusammen. Die Variation der Plausibilität wirkte sich, wie bei niedrig motivierten Urteilern, nicht direkt auf die Glaubwürdigkeitsbeurteilung aus. Bei mit der Situation hoch vertrauten Urteilern dagegen hing die Glaubwürdigkeitszuschreibung sehr stark mit der inhaltlichen Beurteilung der Aussagen zusammen. Die Variation der Plausibilität beeinflusste sowohl signifikant die Bewertung des Inhalts als auch die Glaubwürdigkeitsbeurteilung. Der Einfluss auf die Glaubwürdigkeitsbeurteilung wurde nur wenig abgeschwächt, wenn die Bewertung des Inhalts mit in die Analyse aufgenommen wurde. Die Pfadanalysen zum Einfluss der Motivation in Experiment 1 und der situativen Vertrautheit in Experiment 3 zeigen somit deutliche Unterschiede. Bei niedrig motivierten Urteilern wirkte sich die Variation der Plausibilität der Aussagen nicht signifikant auf die inhaltliche Bewertung der Aussagen noch auf die Glaubwürdigkeitszuschreibung aus. Auch die inhaltliche Bewertung der Aussagen hing nicht signifikant mit der Glaubwürdigkeitszuschreibung zusammen. Bei wenig vertrauten Urteilern zeigte sich dagegen ein signifikanter Einfluss der Variation der Plausibilität auf die inhaltliche Bewertung der Aussagen. Auch hing die inhaltliche Bewertung mit der Glaubwürdigkeitszuschreibung signifikant zusammen. Die Variation der Plausibilität wirkte sich dagegen, wie bei niedrig motivierten Personen, nicht auf die Glaubwürdigkeitszuschreibung aus. Die Pfadanalysen weisen somit daraufhin, dass niedrig motivierte Urteiler den Inhalt von Aussagen nicht systematisch verarbeiten, wenig vertraute Urteiler dagegen den Inhalt zwar systematisch verarbeiten, jedoch nicht zur Urteilsbildung heranziehen.

Literatur:

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